Ich habe mal eine Liste aufgeschrieben. Das war Anfang 2018, kurz nachdem ich mit einer NLP-Ausbildung begonnen hatte. Ich sollte aufschreiben, was ich mir wünsche – für mich, für mein Leben.
Was da stand, hat mich später selbst erschüttert.
„Es mir zutrauen, anderen helfen zu können.“ „Nähe zulassen können.“ „Mir selbst etwas wert sein.“ „Mich lieben können.“
Das waren keine fernen Träume. Das waren Dinge, die mir im Alltag fehlten – jeden Tag. Und ich hatte sie so tief vergraben, dass ich sie erst in einer Ausbildung an die Oberfläche holen musste, um sie überhaupt zu sehen.
Ich wusste zu diesem Zeitpunkt schon lange, was Glaubenssätze sind. Ich hatte darüber gelesen, hatte mir Affirmationen vorgebetet, hatte mir fest vorgenommen, anders zu denken. Und trotzdem steckte ich fest.
Warum Wissen allein nichts verändert
Glaubenssätze sitzen tief. Sie stammen aus einer Zeit, in der wir noch keine Wahl hatten, wie wir auf die Welt reagieren.
Wenn ein Kind immer wieder erlebt, dass Liebe an Bedingungen geknüpft ist – an Leistung, an das Aufessen des Tellers, an das Stillsein – dann lernt der Körper: So funktioniert das hier. Das bleibt. Als automatische Reaktion. Als innerer Kommentar, der sich einschaltet, bevor man überhaupt Zeit hatte, bewusst nachzudenken.
„Das schaffe ich sowieso nicht.“ „Ich muss erst kleiner werden, um mehr wert zu sein.“ „Wenn ich esse, was ich will, hab ich versagt.“
Diese Sätze klingen nach Gedanken. Sie sind aber eher Reflexe – eingraviert durch Wiederholung, durch Beziehungen, durch Erfahrungen, die viel früher anfingen, als man sich heute noch erinnern kann.
Deshalb reicht Wissen nicht. du kannst wissen, dass dein Selbstwert nichts mit deiner Kleidergröße zu tun hat – und es trotzdem nicht fühlen. Das ist auch kein Widerspruch. Wissen und Fühlen sind schlicht zwei verschiedene Dinge.
Warum Vergleiche das Ganze noch schwerer machen
Vielleicht kennst du das auch: Du machst etwas richtig – hältst deine Ernährung um, bewegst dich mehr, schläfst besser – und trotzdem passiert weniger als bei anderen. Oder langsamer. Oder anders.
Und dann kommt der Satz: Ich mache irgendetwas falsch.
Besonders für Frauen mit Lipödem ist das ein vertrautes Muster. Der Körper reagiert anders als erwartet, anders als beschrieben, anders als bei der Frau im Forum, die scheinbar mühelos Fortschritte macht. Was eigentlich eine Information über den eigenen Körper ist – er braucht etwas anderes, er funktioniert nach anderen Regeln – wird zur Bestätigung des alten Glaubenssatzes: Ich schaffe das nicht. Bei mir klappt das nie.
So verwandelt der Vergleich eine Frage über die Methode in eine Frage über den eigenen Wert.
Was hilft: den Blick zurück auf den eigenen Körper lenken – als Übung in Aufmerksamkeit. Was passiert bei mir, wenn ich so esse? Wie fühlt sich mein Körper an, wenn ich gut schlafe? Was brauche ich gerade – unabhängig davon, was für andere funktioniert?
Das ist eine der schwereren Umstellungen, wenn man gelernt hat, sich immer zuerst an anderen zu messen. Aber sie ist möglich.
Was sich bei mir wirklich verändert hat
2017 hatte ich mir ein Ziel aufgeschrieben – unter der Überschrift „Selbstachtsamkeit“. Ich wollte meditieren, früh aufhören zu arbeiten, mehr auf mich achten. Dann habe ich fast das ganze Jahr nicht mehr reingeschaut.
Was ich trotzdem gelernt habe in diesem Jahr: Grenzen zu setzen. Und – das ist der entscheidende Teil – danach kein schlechtes Gewissen mehr zu haben.
Das klingt kleiner, als es ist. Wer gewohnt ist, Grenzen immer wieder aufzuweichen, weil das Nein zu viel kostet – zu viel Beziehung, zu viel Schuldgefühl, zu viel inneren Lärm – der weiß, was ich meine. Der Moment, in dem man eine Grenze setzt und danach keine innere Verhandlung mehr anfängt, ist kein kleiner Schritt. Er ist das Ergebnis von Arbeit, die unsichtbar passiert.
Ich habe mir keine Affirmationen vorgebetet. Ich habe mich in Situationen begeben, die mich herausgefordert haben, und habe geübt. Ich bin dabei oft gescheitert. Und irgendwann, ohne dass ich genau sagen könnte wann, war da ein Moment, in dem das Schuldgefühl einfach weg war.
Was du damit anfangen kannst
Ich werde dir keinen 6-Punkte-Plan geben. Den hast du schon hundertmal gelesen, und wenn er geholfen hätte, würdest du nicht hier sein.
Was mir geholfen hat – und was ich seither immer wieder erlebe, wenn Frauen anfangen, ernsthaft an diesem Thema zu arbeiten – ist dieser eine Einstieg: Beobachten, ohne sofort zu bewerten.
Also: du greifst zur Schokolade, obwohl du das eigentlich nicht wolltest. Und statt dir sofort zu sagen, dass du wieder mal versagt hast, hältst du kurz inne. Was war gerade los, bevor du gegriffen hast? Das ist keine Therapie-Aufgabe. Es ist eine andere Art, mit dir in Kontakt zu bleiben – Neugier statt Selbstanklage.
Das fühlt sich zuerst seltsam an, weil die meisten von uns viel geübter darin sind, sich selbst zu verurteilen, als sich selbst zu beobachten.
Ein möglicher erster Schritt diese Woche: Wenn ein automatischer negativer Kommentar über dich selbst auftaucht, kurz innehalten. Ihn wahrnehmen. „Aha, da ist er wieder.“ Mehr braucht es fürs Erste nicht.
Passend dazu: Emotionales Essen überwinden: Was wirklich dahintersteckt | Selbstliebe, Selbstwert, Selbstvertrauen – wie das zusammenhängt
Manchmal ist Essen nur das Sichtbare. Wer tiefer schauen will: Im Soul Circle begleite ich Frauen, die sich selbst besser verstehen wollen. Komm rein.

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Ein hervorragender Artikel, liebe Karen! Jeden einzelnen Absatz kann ich blind unterschreiben. Aber in einer Beziehung würde ich sogar noch weiter gehen – oder besser gesagt, das zu Ende denken, was du bereits mehrfach angesprochen hast: nämlich mal ernsthaft hinterfragen, was wir ganz konkret mit der Abnehmerei erreichen wollen und ob das wirklich der beste Weg zu diesem Ziel ist. Da kommt man nämlich auf verblüffende Antworten. Wollen wir’s mal probieren?
Wollen wir abnehmen, um etwas für unsere Gesundheit zu tun? Nun, in seinem Buch „Mythos Übergewicht“ hat der Hirnforscher Achim Peters nachgewiesen, dass „Übergewicht“ als solches keineswegs zu einer geringeren Lebenserwartung führen muss, im Gegenteil, dass nämlich Menschen, die „etwas zum Zusetzen haben“, sogar besser mit den Launen der Natur fertig werden als ihre dünnen Zeitgenossen. Und tatsächlich kenne ich eine Reihe von Menschen, die mit einem BMI über dreißig ihren Neunzigsten bei bester Gesundheit gefeiert haben, und Adonisse, die bereits in ihren Fünfzigern an Herzinfarkt gestorben sind (erinnern wir uns: der Herzinfarkt wird im Volksmund auch als „Managerkrankheit“ bezeichnet, und Übergewicht ist in diesen Kreisen recht selten). Auch dass Übergewicht die gefürchteten Zivilisationskrankheiten verursacht, hat Peters eindeutig widerlegt: Das Übergewicht ist genau wie Diabetes & Co. eine Folge von toxischem Dauerstress, also lediglich ein Signal dafür, dass man sein Seelenleben im Fokus behalten sollte. Und Angst vor Übergewicht oder gar Selbsthass ist ein durchaus ernstzunehmender Stressfaktor, also in jeder Beziehung kontraproduktiv.
Keine Frage, dass es auch Erkrankungen gibt, die durch Gewichtsabnahme gelindert werden können, wie z.B. Lipödeme. Aber schon beim Thema Arthrose sollten wir vorsichtig sein, denn eine größere Belastung der Gelenke hat eher einen Trainingseffekt, der den Abbau sogar verhindert. Die Ursache für Arthrose ist eher auf einen Mangel an Kollagen (in Gelatine enthalten) zurückzuführen, was wiederum heißt, dass man mit dem Verzicht auf tierische Produkte seinen Gelenken eine Bärendienst erweist.
Womit wir der Sache schon näher kommen, ist die Anerkennung im sozialen Umfeld. Und da sind wir wieder bei den Glaubenssätzen: „Wenn ich erst mal schlank bin, werden sich meine Probleme in Luft auflösen“, das ist ein Glaubenssatz, der wie ein riesiger Felsbrocken mitten in unserem Leben steht und auf unser Seelenleben drückt. Freilich ist der Schlankheitswahn in unserer westlichen Gesellschaft, der in Wirklichkeit ein Jugendwahn ist und auf der Angst vor dem Altwerden beruht, mehr als kritikwürdig, und freilich werden dicke Menschen diskriminiert. Aber Schwarze, Arme, Alte oder Behinderte werden das in unserer Ellbogengesellschaft auch, und die leben damit und versinken nicht in Hader und Selbstmitleid. Letzten Endes geben wir solchen Typen, die uns diskriminieren, nicht mit unserem Körpergewicht, sondern mit unserem gestörten Selbstwertgefühl Wasser auf die Mühle. Ich habe meiner Umwelt deutlich signalisiert, dass ich nicht zu denen gehöre, mit denen sie es machen können, und das wird allgemein akzeptiert. Und für diejenigen, die sich damit noch ein bisschen schwer tun, habe ich einen guten Kalenderspruch parat: Lieber ein paar Fettzellen zu viel, als ein paar Gehirnzellen zu wenig.
Wenn wir unseren Fokus, wie du geschrieben hast, auf unsere Glaubenssätze lenken wollen, was hindert uns daran, mit jenem Glaubenssatz anzufangen, der uns am meisten auf der Seele drückt, der mit der Zeit unser ganzes Leben vereinnahmen und veröden kann: „Ich muss abnehmen“? Nein, niemand, der nicht ernsthaft krank ist, „muss“ abnehmen. Die Wörter „müssen“ und „dürfen“ implizieren nämlich, dass andere über unser Leben bestimmen und uns ihre Regeln und Normen diktieren. Und das sollten wir, wenn wir Wert auf ein Minimum an Souveränität legen, auf gar keinen Fall zulassen. Es gibt genug Regeln im menschlichen Zusammenleben, an die wir uns zu halten haben, da brauchen wir uns diesen nicht auch noch zu unterwerfen. Wie unser Körper aussieht und wie viel unsere Waage anzeigt, ist nämlich unsere ureigenste Angelegenheit, die niemanden etwas angeht. Freuen wir uns lieber darüber, wie gut unser Körper seinen Job macht, das ist nämlich alles andere als selbstverständlich (siehe unten). Und behalten wir immer im Hinterkopf: Niemand geht mit leerem Portemonnaie einkaufen, niemand fährt mit leerem Tank auf die Autobahn, niemand telefoniert mit leerem Akku, und niemand freut sich über ein leeres Bankkonto. Warum legen wir uns krumm und opfern unser Seelenheil für leere Fettzellen?
Ein Bekannter hat mir neulich erzählt, dass bereits Neunjährige sich nicht mehr trauen, vor anderen Kindern oder Erwachsenen zu essen. Wie weit wollen wir es mit unserem Schlankheitswahn noch treiben? Sind Magenverstümmelung und „Abnehmspritze“ noch nicht genug, müssen wir jetzt auch noch unsere Kinder seelisch zugrunde richten? Hier ist doch die Grenze zur Massenpsychose tatsächlich schon gefährlich nahe.
Nun gut, sollten wir bis hierher noch nicht mit unserem Glaubenssatz aufgeräumt haben und weiterhin unbedingt abnehmen wollen – oder „müssen“, weil es gesundheitlich oder sozial erforderlich ist – dann ist allerdings eine Vergewaltigung unseres Körpers ein denkbar schlechtes Mittel dafür. Wir erinnern uns: Der Sensor für Energiemangel sitzt im Gehirn, und deshalb führt der einzige erfolgversprechende Weg zu dauerhaft weniger Körpergewicht über eine Verringerung des Energiebedarfs des Gehirns, denn dann wird auch der Körper, der ja über denselben Blutkreislauf versorgt wird, nicht mehr mit Nährstoffen überschwemmt. Mit anderen Worten: Bringen wir unser Seelenleben in Ordnung, hören wir auf, irgendwelchen von außen aufdiktierten Normen oder Idealen hinterherzuhecheln, dann werden wir das Ergebnis schon bald an der Waage sehen.
Kleines Kuriosum am Rande: Allein die Gelegenheit, mir hier mal was von der Seele schreiben zu können, wofür ich im „Real life“ bestenfalls Unverständnis geerntet hätte, hat mir meinen Gürtel schon ein Loch enger gestellt. Wer hätte das gedacht …
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Ich weinte, weil ich keine Schuhe hatte,
bis ich den traf, der keine Füße hatte.
(Saadi, persischer Dichter)
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LG – der Krümelkekskoch
Vielen Dank für diesen ausführlichen und nachdenklichen Kommentar! Ich finde es großartig, wie du die Perspektive erweiterst und hinterfragst, was wirklich hinter dem Wunsch abzunehmen steckt. Das Thema Selbstwertgefühl und die Rolle unserer Glaubenssätze darin, wie wir mit unserem Körper umgehen, ist tatsächlich so zentral. Deine Gedanken zum gesellschaftlichen Schlankheitswahn und der Verbindung von Stress, Seelenleben und Gesundheit sprechen mir aus der Seele.
Besonders wertvoll finde ich deinen Ansatz, dass niemand „muss“ – weder abnehmen noch sich irgendwelchen externen Idealen unterwerfen. Genau darum geht es doch: einen individuellen Weg zu finden, der gut für Körper und Seele ist. Dein Vergleich mit leeren Fettzellen und leerem Portemonnaie bringt es wunderbar auf den Punkt und regt sicher viele zum Nachdenken an.
Ich freue mich, dass dir der Artikel gefallen hat, und hoffe, dass wir gemeinsam weiterhin solche spannenden Themen diskutieren können.
Alles Liebe,
Karen