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Körperbild und Lipödem – woher kommen unsere Vorurteile?

  • Beitrag zuletzt geändert am:3. Mai 2026
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Du kennst diesen Moment. Du sitzt jemandem gegenüber – einem Arzt, einer Ärztin, vielleicht jemandem, dem du gerade angefangen hast zu vertrauen – und noch bevor du auch nur einen Satz gesagt hast, weißt du, was kommt. Der Blick. Die kurze Pause. Und dann der Satz, der sich immer gleich anfühlt, egal in welchen Worten er kommt: Haben Sie schon mal über Ihr Gewicht nachgedacht?

Ich habe mir vor ein paar Wochen das vordere Kreuzband gerissen. Fahrradsturz. Ich gehe seit einiger Zeit zur Psychotherapie – und als ich anfing, Vertrauen aufzubauen, passierte der Sturz. Bein geschient, innerlich noch mitten in einem Prozess, der Zeit braucht.

Und der Therapeut begann die Sitzung damit, mir zu erklären, dass sicher mein Gewicht an den schweren Folgen des Sturzes schuld sei. Mehr Körpermasse, mehr Kraft aufs Knie. Ob Abnehmen vielleicht mein Therapieziel sein könnte.

Ich habe ihm erklärt, dass ich Lipödem habe. Er hat ChatGPT gefragt, was das ist, und mir die Antwort vorgelesen. Als er las, dass die Krankenkasse inzwischen Liposuktionen bezahlt, sagte er: Das wäre doch die Lösung für mich. Ohne zu fragen, ob ich mir das überhaupt wünsche.

Ich bin nicht mehr bei diesem Therapeuten.

Und ja – ich habe in diesem Blog oft über meine Abnahme geschrieben, über die fast 50 kg, die ich mal verloren hatte. Dass ich danach aus verschiedenen Gründen wieder zugenommen habe, habe ich hier ehrlich beschrieben. Das gehört zu meiner Geschichte. Und es ändert nichts daran, was dieser Therapeut getan hat: Er hat meinen Körper gesehen. Nicht mich.

Vorurteile kommen von außen – und sie bleiben

Was dieser Mann mir in dieser Sitzung gegeben hat, war kein Therapieangebot. Es war eine Zusammenfassung von allem, was ich über meinen Körper von außen mitbekommen habe, seit ich denken kann. Schule. Arztpraxen. Familienfeiern. Fitnessstudios.

Der Körper ist das Problem. Wenn du ihn veränderst, hört das Problem auf.

Diese Überzeugung ist kein persönliches Versagen. Sie ist das Ergebnis von Jahrzehnten – Bilder, Sätze, Blicke, die sich ablagern. Irgendwann klingt diese Stimme wie die eigene. Irgendwann glaubt man selbst, dass man seinen Körper erst reparieren muss, bevor man sich ein gutes Leben verdient hat.

Viele Frauen mit Lipödem tragen das in sich – tief, still, hartnäckig. Der Körper gilt als das, was sich erst ändern muss – bevor das Leben anfangen darf.

Vielleicht kennst du das auch. Nicht als Theorie. Sondern als diesen ganz konkreten Gedanken morgens vor dem Spiegel.

Woher kommt dieser Gedanke? Wann hast du ihn zum ersten Mal gehört – und von wem?

→ Was im Körper gespeichert bleibt, auch wenn der Verstand längst etwas anderes weiß, beschreibe ich in diesem Artikel über Phantomfett und Körperwahrnehmung.

Was gesagt wird – und was wahr ist

Der Therapeut hatte ein Bild von mir, bevor ich einen Satz gesagt hatte. Es kam aus einem Bild, das fast jeder im Kopf hat, wenn er an eine dicke Frau denkt: Sie liegt auf dem Sofa, isst Chips und Schokolade, und bewegt sich nicht. Zu viel gegessen, zu wenig Disziplin. Selbst schuld. Bei einem dicken Mann kommt dieses Bild übrigens nicht so schnell – aber das ist eine andere Geschichte. Für uns Frauen ist es der erste Gedanke, den andere haben. Und irgendwann auch der eigene.

Für Frauen mit Lipödem stimmt das schlicht nicht. Lipödem ist eine Erkrankung des Fett- und Lymphgewebes, hormonell beeinflusst, genetisch bedingt – und durch Diäten nicht wegzumachen. Wer das nicht weiß, sieht nur die Oberfläche.

Mir geht es hier nicht zuerst um Fakten. Es geht um die Wirkung.

Was passiert in dir, wenn jemand, dem du vertraust, genau das sagt, was du dein Leben lang gehört hast? Du zweifelst nicht an ihm. Du zweifelst an dir. Wieder.

Das ist der Mechanismus. Nicht dein Versagen.

→ Wie sich das auf die Psyche auswirkt und was dabei hilft, steht hier.

Wann ist der Körper gut genug – damit das Leben anfangen darf?

Ich kenne diesen stillen Satz aus mir selbst. Wenn ich erst…

Wenn ich erst leichter bin, dann kaufe ich mir das Kleid. Dann gehe ich wieder schwimmen. Dann traue ich mich auf das Foto. Dann fange ich an zu leben.

Er hat tausend Varianten. Und er hat eines gemeinsam: Das Jetzt ist nicht genug. Der Körper, der jetzt da ist, verdient noch nicht das Leben, das möglich wäre.

Dieser Satz lügt.

Das Leben, auf das du wartest, findet gerade statt – mit oder ohne den Körper, den du dir wünschst. Der Körper, den du jetzt hast, ist nicht die Vorstufe zu einem Leben. Er ist das Leben.

→ Was ich darüber gelernt habe, steht in diesem Artikel.

Ein Impuls – keine Aufgabe

Wenn du das nächste Mal einen kritischen Gedanken über deinen Körper denkst: Halte kurz inne.

Frag dich nicht, ob der Gedanke stimmt. Frag dich, woher er kommt. Von wem hast du ihn zum ersten Mal gehört?

Du musst ihn nicht loslassen. Du musst ihn nur einmal nicht für bare Münze nehmen.

Das reicht als Anfang.


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Karen Wiltner
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